Kunstpreis der Stadt Krumbach 2010

Das Fenster zur Welt / Jurybegründung

Die Jury hat entschieden, die zweiteilige Arbeit „Blaue Stunde I und II“ des Malers Andreas Decke aus Zusmarshausen mit dem Kunstpreis der Stadt Krumbach 2010 auszuzeichnen.

 

Der 1961 in Würzburg geborene Künstler Andreas Decke ist vielen Kunstfreunden und –kennern seit Jahren durch seine gekonnt gemalten Landschaften bekannt, die sich dem Motiv mit einer sehr lockeren, für ihn charakteristischen Malweise nähern. Die Ruhe dieser Bilder kontrastiert zu manchmal dramatischen Kontrasten der Farbgebung oder des Lichtes. Vielen Landschaften fehlen vordergründige Spuren von menschlicher Zivilisation, solche verlieren sich in Anmutungen eines Weges oder sind als übriggebliebener Stumpf eines abgesägten Baumes angedeutet. Menschen finden sich in aller Regel nicht in den Weiten der Landschaften. Im Jahr 2008 stellte Andreas Decke im Rahmen seiner Ausstellung im Mittelschwäbischen Heimatmuseum neben diesen Landschaften Bilder vor, die eine überraschende Entwicklung zeigten: ungewöhnliche Darstellungen beispielsweise einer dunkel-bedrohlichen Tunnelröhre mit einem heranrasenden Licht, das sich ein einem Spiralwirbel in der Röhre dreht, oder regennasse Fahrbahnen mit einem Fahrzeug in einer aufgewirbelten Wolke von Waser und Dampf, Bilder also mit einer expressiven Dramatik nicht nur in der Darstellung von Licht, Schatten und Farbkontrasten, sondern auch in der dargestellten Szene. Hier sind die Eingriffe der Menschen in die Landschaft Teil der Landschaft selbst geworden.

 

Zur Jahresausstellung des Kult e.V. hat Andreas Decke in diesem Jahr zwei zusammengehörende Bilder eingereicht, denen sehr viel mehr Ruhe innewohnt. Er bietet uns einen Blick auf eine Hauswand und ein Fenster. Bilder sind ja, auch wenn keine Fenster auf ihnen dargestellt werden, selber Fenster in eine eigene Welt, in die Wahrnehmungswelt des Künstlers, und ein Fenster durch das der Betrachter per Vorstellungskraft in eigene Räume vordringen kann.

 

Andreas Decke zielt aber nicht gleich ins Abstrakte, er beginnt mit dem Elementaren: er stellt den Betrachter als Beobachter vor ein Fenster und gibt ihm die Rolle des neugierigen Fensterguckers, setzt ihn damit der Peinlichkeit aus, etwas entdecken zu wollen, was ihn ja eigentlich nichts angeht – der Bildbetrachter findet sich unwillkürlich und unwillentlich in der Rolle des Eindringlings in die private Sphäre eines Hausinneren, das nur durch eine eigentlich transparente Glasscheibe vom Blick getrennt ist. Der voyeuristische Blick gleitet von einem Fenster zum nächsten, sucht nach Anhaltspunkten, was im Innern des Hauses gerade geschieht, dieses Suchen nach dem besten Blick wäre nur möglich, indem man von einem Fenster zum nächsten geht, dafür vielleicht sogar um ein Haus herumschleicht. Diese heimlich-suchende Bewegung des Fensterguckers drückt Decke in den zwei Bildern aus. Vielleicht entdeckt der Betrachter aber auch gar nichts anderes als sich selbst im Fensterspiegel.

 

Die Fensterausschnitte tragen den Titel „Blaue Stunde I und II“: diese Reihung deutet ein Fortschreiten in der Zeit an, den Übergang vom Tag zum Abend, die Zeit des beginnenden Feierabends, des sich Einstimmens auf Ruhe und Entspannung, des sich Beschäftigens mit den anderen Dingen, die Zeit, während der man sich ins Haus zurückzieht, um zu lesen, um sich nach dem Tag mit der Familie zu treffen, zu reden, den Abend einzuleiten, eine beschauliche, besinnliche Zeit; aber auch eine Zeit des Übergangs vom Tag zur Nacht, von einem Bewusstseinszustand in einen anderen, ein Augenblick in dem eine Schwelle überschritten wird und eine Erkenntnis aufscheint, ein Augenblick aber auch, in dem Sehnsüchte und Wünsche ins Bewusstsein vordringen können und in dem das seelische Gleichgewicht ins Schwanken kommen kann. Diese zwei Fensterausschnitte, diese zwei Augenblicke und das Dazwischen sind kompositorisch klar gegliedert, in farblich zart nuancierten Flächen auf die Leinwand gesetzt, da gibt es keine schnellen Effekte, nur genaue Wahrnehmung.

Andreas Deckes Bilder zeigen eine außerordentliche handwerkliche und künstlerische Könnerschaft und Ruhe, die in der Jury ein einstimmiges Votum erbrachte.


  • KULT-Kunstausstellung 2010
  • KULT-Kunstausstellung 2010

Vita Andreas Decke

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